Gesundheitssystem und selbstorganisierte Sozialkliniken

Am 11. Oktober 2017 haben Ärzt*innen und Krankenhauspersonal in Griechenland gestreikt und für ein höheres Budget, sowie mehr Personal, demonstriert. Uns wurde von einem Einstellungsstopp nach dem 3. Memorandum im öffentlichen Sektor berichtet: Auf eine Pflegekraft kommen 40 Patient*innen. Auch wenn Krankhäuser gut ausgestattet sind, müssen Abteilungen oder ganze Häuser schließen, da Personal fehlt: Rund 50 Prozent der Personen mit Hochschulabschluss gehen ins Ausland, vor allem nach England und Deutschland, darunter auch viele Ärzt*innen und Pflegepersonal, d.h. die Ausbildungskosten werden von Griechenland übernommen und Länder wie Deutschland profitieren davon.
Bis zum Jahr 2014 waren Arbeitslose nach einem Jahr Arbeitslosenversicherung komplett von der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. Seit August 2016 besteht eine Sozialversicherung für alle, auch für Arbeitslose, welche die griechische Regierung nur schwerlich bei der Troika durchsetzen konnte – diese verlangte für jede zusätzliche soziale Ausgabe die Kürzung einer anderen. Allerdings sind Menschen ohne Papiere von diesem Versicherungsschutz ausgeschlossen. Zudem bleibt der Zahnärzt*inbesuch weiterhin eine private Leistung. Durch die Neuregelung, seien die Krankenhäuser überlaufen, da die Patient*innen diese aufsuchen, ohne vorher eineN Hausarzt*in zu konsultieren. Uns wurde berichtet, dass Wartezeiten unter Umständen durch die Zahlung eines Schmiergeldes (Fakelaki, „Umschlag“) verkürzt werden können. Somit ist eine gute Gesundheitsversorgung und gesunde Zähne begüterten Personen vorbehalten. Durch die Krise sind vermehrt psychische Krankheiten aufgetreten, Kindersterblichkeit und die Selbstmordrate steigen (bei Griech*innen, sowie Geflüchteten), während die durchschnittliche Lebenserwartung sinkt. Bis die Ambulanz innerhalb Athens eintrifft, dauert es ca. 40 min., außerhalb der Stadt noch sehr viel länger. Zwar haben heute alle Griech*innen und Geflüchtete mit Papieren, die nicht privat wohnen, Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung, doch die Wartezeiten sind lang und eine Zuzahlung von 25 % auf Medikamente muss von allen getätigt werden, die nicht unter dem Existenzminimum leben, dieses wurde von 2.500,- EUR/ Jahr in 2016 auf 6.000 EUR/ Jahr in 2017 hochgesetzt und soll mit den neuen Sparauflagen der Troika weiter angehoben werden. Zudem muss 1,- EUR Bearbeitungsgebühr in den Apotheken bezahlt werden. Der Preis, den die Pharmakonzerne verlangen, liegt über der staatlichen Zuzahlung. Darunter leiden vor allem Rentner*innen, deren Rente immer weiter gekürzt wird. Darüber hinaus sind manche Medikamente zu teuer und werden von den Apotheken gar nicht erst bestellt, beispielsweise Psychopharmaka und Impfstoffe, sodass sie nur durch Spenden in den Sozialkliniken zu erhalten sind. Günstigen Medikamente werden exportiert, da so ein höherer Gewinn in anderen EU-Ländern, bspw. Deutschland, zu erzielen ist. Des Weiteren sind viele Babys unterernährt, da die teure Babymilch von den Eltern verdünnt wird, um regelmäßige Mahlzeiten bieten zu können. Auch Windeln sind aufgrund des gestiegenen Mehrwertsteuersatzes für viele Familien kaum erschwinglich. Kinder erhalten eine medizinische Versorgung, solange sie im Krankenhaus sind, im Anschluss sind sie auf die Sozialkliniken angewiesen. Uns wurde berichtet, dass beispielsweise auch Herz- und Zuckerkranke aufgrund der Kosten und der fehlenden Verfügbarkeit nicht die richtigen beziehungsweise zu wenig Medikamente einnehmen, sodass Amputationen die Folge sein können. Für das Gesundheitssystem bedeute dies höhere Folgekosten. Indes wurden im Zuge der Krise Gesundheitszentren und Sozialkliniken gegründet, in denen Ärzt*innen und Apotheker*innen neben ihrer täglichen Lohnarbeit ehrenamtlich tätig sind. Wir möchten exemplarisch drei Sozialkliniken in Athen vorstellen:

K.I.F.A. im Zentrum von Athen:
Die Sozialklinik besteht seit 4,5 Jahren und rund 60 ehrenamtliche Ärzte und Apotheker engagieren sich dort. Seit der Neuregelung werden hauptsächlich Geflüchtete betreut. Für Leistungen, bei welchen der Sozialklinik die entsprechende Ausstattung fehlt, z. B. Labortests, besteht ein solidarisches Netzwerk zu Fachärzt*innen und Krankenhäusern, sodass trotzdem alle Leistungen komplett kostenfrei angeboten werden. Hierfür sind auch persönliche Spenden nötig, wie sie u.a. im großen Stil von „Freunde der K.I.F.A. Praxis Athen“ organisiert werden. Durch den Export von günstigen Medikamenten fehlen hier einfache, aber wichtige Dinge wie Diabetestests und Insulin-Spritzen. K.I.F.A. geben hier Medikamente nach Einreichung eines ärztlichen Attestes aus und versenden diese auch in Geflüchtetenlager.
Wie erwähnt, ist der Zahnarztbesuch nicht in der Sozialversicherung miteingeschlossen. Daher kommen für diese Leistung auch viele Griech*innen in die Sozialklinik. Bisher wurden zwei Zahnarztstühle gespendet und sie planen nun mobile Zahnarztbesuche in den Geflüchtetenlager, die außerhalb liegen und die Bewohner*innen keine Möglichkeit für einen Besuch der Sozialklinik haben.
Ein Arzt der Klinik erzählt uns, dass sich die Situation im Gesundheitssektor nicht verbessert habe. Es bestehe weiterhin ein Einstellungsstopp (mit Ausnahme für bestimmte Expert*innen), ausgebildete Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen Griechenland verlassen, so wie sein Sohn – in Deutschland verdiene er mehr als dreimal so viel. Er sieht keine Verbesserung der Verhältnisse in der Zukunft, da durch die EU weitere Sparmaßnahmen bestimmt wurden, denen die griechische Regierung zugestimmt hat: Griechenland soll nun auf Verordnung der EU ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent erreichen. Dies ist mehr, als Deutschland aktuell vorweisen kann. Auch das Argument, dass die Renten in Griechenland zu hoch seien und sie sich an Rumänien und Bulgarien orientieren sollten, hinke, da die Lebenshaltungskosten in Griechenland viel höher seien. Trotz allem gebe er nicht auf und engagiere sich weiter.

Gesundheitszentrum Metropolitan Community Clinic
Dieses Gesundheitszentrum außerhalb der Stadt, besteht seit 2011 und war die erste Sozialklinik Athens. Da Syriza das ehemalige US-Militärgelände, auf dem die Klinik steht, veräußern will, ist die Zukunft ungewiss. Die Klinik kann aufgrund internationaler Spenden bestehen, da sich der bedarf wöchentlich ändert, werden konkrete Dinge bei Spendern angefragt. Nicht benötigt Spenden werden an weitere Sozialkliniken, Geflüchteten- und Obdachlosenorganisationen und auch in öffentliche Krankenhäuser übergeben. Auch NGOs, wie Ärzte ohne Grenzen, vermitteln Kranke an die Sozialkliniken und erhalten von den eingegangenen Medikamentenspenden Benötigtes für die Geflüchtetenlager. Die Klinik nennt die Spender*innen nicht und akzeptieren keine politische Einflussnahme auf ihre Arbeit. Neben der täglichen Arbeit, prangern sie Missstände öffentlich an, damit sich das Gesundheitswesen wieder verbessert. Die rund 300 Ärzt*innen, Psychiater*innen und Apotheker*innen arbeiten alle ehrenamtlich, neben ihrer regulären Tätigkeit, 4 Std./ Woche im Schichtdienst, Freiwillige für 2 Std./ Woche. Die Struktur der Klinik ist horizontal, sie stehen im kollektiven Austausch und entscheiden auf Generalversammlungen.

Self-organised Health Structure in Exarcheia (ADYE)
ADYE versteht sich als soziales Projekt, welches den Menschen in dem Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung stellt und sich an die Nachbarschaft richtet, aber grundsätzlich für jede*N offensteht. Im Gegensatz zu den bereits vorgestellten Gesundheitszentrenten, ist das ADYE Teil eines sozialen Projekts in einem besetzten Haus Exarcheias, deren Eigentümerin die Stadt ist. Alle Entscheidungen, auch über das ADYE hinaus, werden in einer offenen, wöchentlichen Versammlung getroffen, in der durch direkte Demokratie Konsensentscheidungen angestrebt werden. Hinter dem Projekt steht keine einheitliche politische Ideologie, aber gemeinsam erarbeitete Vereinbarungen. Es begann mit der Einrichtung einer Medikamentenausgabe, für welche die Nachbarschaft um nicht benötigte Medikamente gebeten wurde und ist mittlerweile eine, durch persönliche Spenden, gut ausgestattete Praxis, in der psychologische, zahnärztliche, radiologische oder allgemeinmedizinische Dienste, auch mit Übersetzungshilfen für Migrant*innen, angeboten werden. Im Gegensatz zur Arbeit im Krankenhaus, in der aufgrund des Personalmangels einfach keine Zeit für die Patient*innen bleibt, werden hier engere Beziehungen aufgebaut und dazu angeregt, auch über die persönliche Lebenslage mit den Ärzt*innen zu sprechen, umso genauere Diagnosen stellen zu können:. Bisher kann eine erste Hilfe durch westliche Medizin geleistet werden, eine Ausweitung ist in Planung. Die Behandlungen werden nach einem Erfassungscode anonym durchgeführt, sodass auch bei einer möglichen Räumung des Hauses der Datenschutz der Patient*innen nicht verletzt würde. ADYE arbeitet nicht mit der Regierung oder NGOs zusammen. Alle Leistungen sind kostenlos und auch hier besteht ein Netzwerk für weiterführende Leistungen, wie Labortests. Wenn jemand etwas zurückgeben möchte, wird die Person ermuntert, etwas für ihre/seine Nachbarschaft zu tun. „Gemeinschaftliche Projekt in der Nachbarschaft zu integrieren braucht Zeit. Die Krise bringt einen dazu, sich alleine und hoffnungslos zu fühlen. Es braucht Zeit, Verbindungen zu knüpfen, aber wenn sie entstanden sind, halten sie ein Leben lang. Der Mensch kann nicht alleine leben.“

Auch das Community Center Khora in Exarcheia hat zwei Zahnarztstühle. Durch fünfzehn rotierende Zahnärzt*innen aus Barcelona können sie im Haus und auch durch einen Shuttleservice zwischen Khora und außerhalb gelegenen Lagern, eine zahnmedizinische Versorgung anbieten. Hier werden Spender*innen ebenfalls nicht namentlich genannt und staatliche Gelder abgelehnt, um eine Einfluss auf die Arbeit zu verhindern.

Es ist kaum vorstellbar, wie sich der Gesundheitszustand der in Griechenland lebenden Menschen verschlechtern würde, wenn es nicht die unermüdlich ehrenamtlich Engagierten und Spender*innen geben würde. Jedoch kann das zwischenmenschliche Engagement keine dauerhafte Lösung sein, es muss schleunigst auch eine zwischenstaatliche Solidarität entstehen und europapolitische Lösungen präsentiert werden.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s